Hetti Barkworth-Nanton, Vorsitzende der Technology and Growth (TAG) Alliance, hat zu einem „NASA-Moment" aufgerufen, der zeigen soll, wie die europäische Verteidigungsindustrie zivile Innovationen beflügeln kann. Der Aufruf erfolgt, während der Umsatz im Verteidigungsbereich auf dem Kontinent stark ansteigt und Politiker die breiteren wirtschaftlichen Vorteile des Sektors hervorheben.
Warum der Verteidigungssektor im Fokus steht
Seit Jahrzehnten liefert die europäische Verteidigungsforschung Technologien, die später zivil genutzt werden, von Infrarotkameras aus den 1920er-Jahren bis zu modernen Fly-by-Wire-Systemen. Dennoch hat der Sektor Schwierigkeiten, diese Ableger der Öffentlichkeit zu vermitteln, und wird häufig nur als Waffenlieferant dargestellt.
Aktuelle geopolitische Veränderungen, insbesondere Russlands Krieg in der Ukraine und ein vorsichtigeres Vorgehen der USA, haben zu einer Welle von Investitionen in die europäische Verteidigung geführt. Im Vereinigten Königreich erreichte der Verteidigungsumsatz im Jahr 2026 £36,5 Mrd., ein Anstieg von 42 % seit 2022, laut Calibre Defence. In der gesamten EU liegt der Jahresumsatz jetzt bei €148 Mrd., ein Plus von 60 % seit 2021. Diese Zahlen bedeuten gut bezahlte Arbeitsplätze, besonders in Regionen, die vom Niedergang der Industrie betroffen sind, und eine Produktivität, die die nationalen Durchschnitte um bis zu 25 % übersteigen kann.
Von militärischen Laboren zu zivilen Märkten
Die TAG Alliance, die im letzten Jahr gegründet wurde, will die Lücke zwischen Verteidigungsforschung und kommerzieller Anwendung schließen. Ein bemerkenswertes Spin-off ist BAE Systems' Rho-C, eine Ultraschalltechnologie, die ursprünglich für U-Boote entwickelt wurde und heute in Öl-, Gas- und Kernkraftwerken eingesetzt wird. Ein weiteres Projekt, Stirling X, unterstützt von Gallos Technologies, entwickelt Drohnen, die kritische Infrastrukturen wie nationale Stromnetze kartieren können.
„Das Vereinigte Königreich erzeugt bereits weltklasse Verteidigungsinnovationen. Unsere Herausforderung besteht darin, mehr davon in kommerziellen Erfolg zu verwandeln", sagte Hetti Barkworth-Nanton.
Der ehemalige Chefvolkswirt der Bank of England, Andy Haldane, teilte diese Ansicht und betonte, dass Europa die Verzögerung zwischen Verteidigungsdurchbrüchen und ihrer Verbreitung in der breiten Wirtschaft angehen muss.
Was die Zukunft bringen könnte
Die französische Agence Innovation Defence und das NATO-Programm DIANA fördern ebenfalls Dual-Use-Technologien und stärken damit den kontinentweiten Vorstoß, militärische Forschung zu kommerzialisieren. Gelingt ein „NASA-Moment", könnte er die öffentliche Wahrnehmung verändern und zeigen, dass Verteidigungsausgaben nicht nur Grenzen schützen, sondern auch Europas Ingenieurbasis wiederbeleben, die traditionell von Finanz- und Dienstleistungssektoren überschattet wird.
Die Akteure gehen davon aus, dass eine intensivere Zusammenarbeit zwischen Verteidigungsunternehmen, Investoren und zivilen Firmen den Transfer von Spitzentechnologien in Alltagsprodukte beschleunigen wird und damit eine neue Wachstumswelle in Europa auslösen könnte.

