Kevin Warsh trat beim jährlichen Jackson Hole Symposium der Federal Reserve ans Rednerpult und gab eine nüchterne Einschätzung der Inflationsentwicklung in den USA ab. Er warnte, dass eine Phase von 65 Monaten hoher Preissteigerungen ein Signal sei, das nicht ignoriert werden könne, und nutzte die Gelegenheit, die Praxis der Forward Guidance der Zentralbank zu überdenken.
Wesentliche Punkte aus der Rede in Jackson Hole
Warsh eröffnete seine Hauptrede, indem er sein langjähriges Unbehagen gegenüber frühen Ankündigungen über die zukünftige Politik wiederholte. Er sagte:
"Sie wissen vielleicht von meinem langjährigen Unbehagen gegenüber frühen Ankündigungen zukünftiger Politikentscheidungen … Forward Guidance wurde von meinen Kollegen und mir während der globalen Finanzkrise als reguläre Praxis eingeführt. Sie war damals unerlässlich, und wir stellten sie mit großem Aufhebens vor. Doch wie bei anderen Erben vergangener Krisen glaube ich, dass die Praxis ihre Begrüßung überstiegen hat. In normalen Zeiten sollte die Rolle von Forward Guidance begrenzt und klar abgegrenzt sein; sonst besteht die Gefahr, im Namen von Klarheit Mehrdeutigkeit zu erzeugen. Das Übermitteln von Politiküberlegungen und das Überversprechen zukünftiger Entscheidungen kann Märkte, Unternehmen und Haushalte in die Irre führen, und ich bin der Ansicht, dass wir, wenn Politiker im gesamten Zyklus quasi-Verpflichtungen zu Zinssätzen eingehen, unsere eigene Freiheit einschränken, die richtigen Entscheidungen zu treffen, wenn es darauf ankommt."
Er fügte hinzu, dass die Märkte nicht für jeden Handelsimpuls auf die Fed schauen sollten und die Teilnehmer sich auf breitere wirtschaftliche Fundamentaldaten konzentrieren sollten.
Inflations- und Beschäftigungsausblick
Im Hinblick auf den doppelten Auftrag sagte Warsh, dass Preisstabilität nun die Hauptanliegen der Fed dominiere. Der von der Zentralbank bevorzugte Inflationsindikator, die 12-Monats-Veränderung des Personal Consumption Expenditures (PCE)-Preisindexes, liege bei 3,7 Prozent, während die 6-Monats-Veränderung bei 4,1 Prozent liege. Beide Werte liegen deutlich über dem Ziel von 2 Prozent.
Im Arbeitsmarktbereich beschrieb Warsh den Markt als weitgehend im Einklang mit Vollbeschäftigung, verwies auf eine robuste Verbrauchernachfrage und ein nachpandemisches „Rematching" von Arbeitskräften und Unternehmen. Er betonte, dass das Beschäftigungsbild zwar solide sei, die Inflationszahlen jedoch besorgniserregender seien.
KI und Produktivitätsüberlegungen
Analysten erwarteten, dass die Rede das Thema Künstliche Intelligenz berührt, und Warsh tat dies. Er stellte KI als potenziellen neuen Produktionsfaktor dar, der die Produktivität und damit die Geldpolitik verändern könnte. Er fragte, ob KI zu einem nachhaltigen Anstieg der Produktivität führen werde und welche Auswirkungen das auf die Kapitalrenditen habe.
"Wir erkennen an, dass KI eine neue Variable, potenziell ein neuer Produktionsfaktor, ist, die sowohl für die Wirtschaft als auch für die Ausübung der Geldpolitik Konsequenzen haben wird. Sie eröffnet einige zentrale Forschungsfragen: Wird der Einsatz von KI zu einem signifikanten, nachhaltigen Produktivitätsanstieg in der gesamten Wirtschaft führen? Und wenn ja, wann? Zu den weiteren noch unbekannten Faktoren gehört die resultierende Marktstruktur. Es ist nicht offensichtlich, wo die Renditen auf Kapital landen werden oder in welchem Zeithorizont."
Warsh wies darauf hin, dass ein Arbeitsteam zu Produktivität und Arbeitsplätzen bereits diese Fragen prüfe.
Marktreaktion und nächste Schritte
Nach der Rede fielen sichere Häfen wie Gold um etwa ein Prozent, und der VIX-Volatilitätsindex sank ebenfalls. Langfristige Treasury-Renditen bewegten sich nach unten, und der CME FedWatch-Index zeigte eine 57-prozentige Wahrscheinlichkeit, dass die Fed die Zinsen beim September-Meeting um 0,25 Prozentpunkte anheben wird, wodurch das Ziel auf 3,75 Prozent steigen würde.
Analysten wie Eric Winograd von AllianceBernstein interpretierten die Äußerungen als subtile Rückkehr zu einem eher falkenhaften Ton, wobei sie die Bestätigung hervorhoben, dass der PCE weiterhin das maßgebliche Inflationsmaß bleibt und dass Zinssätze das primäre Politikinstrument seien.
Im Ausblick wird die Fed die Inflationsdaten genau beobachten, während sie dem Arbeitsmarkt erlauben soll, seinen Lauf zu nehmen. Warsh' Betonung des 65-Monats-Signals lässt vermuten, dass jede zukünftige Lockerung mit Vorsicht angegangen wird, und die Haltung der Zentralbank zur Forward Guidance könnte sich weiterentwickeln, um Klarheit und Flexibilität in Einklang zu bringen.

